roter Spaziergang

Karl Peglau wurde 1927 in Bad Muskau geboren und ist am 29.11.09 in Berlin gestorben. Nach der mittleren Reife erlernte er die Berufe Maschinenschlosser und Technischer Zeichner. Nach dem Krieg holte er in Berlin an der Humboldt Universität sein Abitur nach und studierte dort zuerst einige Semester Mathematik/ Physik, dann Psychologie. 1954 erhielt er sein Diplom als Psychologe.
Seine erste Anstellung bekam er beim „Staatlichen Komitee für Körperkultur und Sport“. Hier betreute er die Staatstrainer aller Sportarten. 1957 wechselte er zum „Bahnärztlichen Dienst“, der 1959 zum „Medizinischen Dienst des Verkehrswesens der DDR“ erweitert wurde.
In dessen Direktion Berlin war Peglau dann auch weiter 30 Jahre leitender Verkehrspsychologe. Er entwickelte in dieser Position u.a. mehrere psychologische Untersuchungsverfahren zur Ermittlung der Verkehrstauglichkeit und mehrere Leitsymbole für die Regelung von Verkehrsfluss und Verkehrssicherheit, darunter auch die „Ampelmännchen“ für den Fußgängerverkehr.
Bei der deutschen Wiedervereinigung fiel auch er 1990 dem allgemeinen Abwicklungswahn zum Opfer und wurde in den unbeabsichtigten vorzeitigen Ruhestand geschickt.
Sein wichtigstes Hobby war zeitlebens der Sport und seine große Leidenschaft das Tennis-Spiel. In seiner aktiven Laufbahn hat er mehrere Universitäts-, Eisenbahner-, Berliner-, und DDR-Meistertitel letztere im Seniorenalter gewonnen. Er gründete 1949 die erste Sparte Tennis an der Humbold Universität und war auch langjährig als Tennistrainer und Tennisfunktionär tätig.
? Wie wird man als Verkehrspsychologe zum Vater der Ampelmännchen?
Ich habe mich lange Zeit mit Verkehrsunfällen und deren Vermeidbarkeit, das heißt mit psychologischen Fragen der Verkehrssicherheit beschäftigt. Aus meinen Studien konnte ich begründet ableiten, dass der Straßenverkehr längst nicht mehr sicher von nur einer Ampelart geleitet werden kann. Um diesen Mangel zu beseitigen, dass heißt die Verkehrssicherheit zu verbessern, schlug ich 1961 vor:
- alle seine Teilströme, Kraftfahrzeuge, Straßenbahn, Radler, Fußgänger, mit je eigenen Ampeln getrennt zu leiten und
- diese Ampeln mit je eigenen, prägnant unterschiedlichen Leitsymbolen auszustatten.
Da darunter auch ein konkreter Vorschlag für den Fußgängerverkehr war, der zwei zweckmäßige und lustige Männchenschemen zeigte und so für gut befunden wurde, bin ich wohl Vater der Berliner Ampelmännchen geworden.
? Warum haben die Ost-Ampelmännchen als einzige Ampelmännchen der Welt einen Hut auf?
Leitsymbole in Fußgängerampeln sollten einerseits durch viel Leuchtfläche gut wahrnehmbar sein und andererseits auch durch anschauliche, am besten konkrete personale Merkmale, das erwünschte Fußgängerverhalten stehen bleiben oder gehen emotional und zweckmäßig provozieren. Dies ist meines Erachtens durch mollig-gemütlichen Körperbau mit Knollennase und Hut sowie mittels der archetypischen Gestaltungsmerkmale des Aufhaltens (starke, ausgebreitete Arme des roten Ampelmännchens) und der Geherlaubnis (dynamisch, weit ausschreitende Beine des grünen Ampelmännchens) gut gelungen.
Meine Sorge, dass diese so gestalteten Leitsymbole wegen des Hutes als unzeitgemäß kleinbürgerlich angesehen und deshalb abgelehnt würden, hat sich glücklicherweise als unnötig erwiesen.
? Wie erging es Ihnen, als die ersten Ampelmännchen abgebaut wurden?
Meine Empfindungen waren keine guten. Ich verstehe diese Maßnahme im Grunde genommen bis heute nicht. Es war für mich persönlich auch die erste große Enttäuschung der deutschen Einheit. Ich glaube, hier wurde ohne fachliche Auseinandersetzung, ohne kritische Prüfung, ohne wirkliche Vergleiche mit den westlichen Symbolen, einfach eine fachliche, lobbyistische und politische Fehl-Entscheidung getroffen.
? Wie reagierten Sie, als die Ampelmännchen gerettet wurden?
Die Rettung der Ost-Ampelmännchen, d.h. ihr weiterer Bestand auf der Straße, ist sicherlich den vielen Solidaritätsaktionen in Presse, Funk und Fernsehen sowie den demonstrativen Veranstaltungen durch das „Komitee zur Rettung der Ampelmännchen“, in dem ich als Ehrenmitglied mitgewirkt habe, zu verdanken.
Die so herbeigeführte vernünftige politische Entscheidung, die Ost-Ampelmännchen in ihrer angestammten Heimat, den nun Neuen Bundesländern, wieder weiter zu nutzen, habe ich natürlich mit großer Freude begrüßt.
? Wie gefällt Ihnen die zweite Karriere der Ampelmännchen als Kultfigur und Design-Produkt?
1996, als ich Markus Heckhausen und sein erstes Ampelmann-Produkt kennen lernte, war ich noch sehr skeptisch. Heute denke ich aber, dass der Weg über die Solidaritäts-Maßnahmen und die Ampelmännchen-Design-Produkte der beste war, um die Ampelmännchen auch als Straßenleitfiguren zu erhalten. Deshalb freue ich mich natürlich, dass die Ost-Ampelmännchen inzwischen nicht nur in ganz Berlin, sondern fast schon in der ganzen Welt, begeisterte Aufnahme gefunden und als Design-Produkte einen hohen Stellenwert erreicht haben.
? Sie haben engen Kontakt zur AMPELMANN® GmbH. Wie läuft die Zusammenarbeit und sind Sie zum Beispiel auch in die Produktentwicklung mit einbezogen?
Gleich nach meinem Kennenlernen von Markus Heckhausen erstellten wir 1997 zusammen das "Buch vom Ampelmännchen". Diese Arbeit war sehr aufwändig, aber auch sehr fruchtbar. Danach gab es ständig weitere Zusammenarbeit, zum Beispiel bei der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, bei den Ausstellungen zum 40-jährigen Ampelmännchen-Jubiläum 2001 oder bei Signierstunden. Über neue Design-Produkte bin ich immer informiert. Und wenn ich mal etwas nicht befürwortet habe, zum Beispiel die Lizenzvergabe an einen Schnapshersteller, so habe ich immer Verständnis gefunden.
Politischer Werbung mit den Ampelmännchen würde ich nicht zustimmen, da die Ampelmännchen unpolitische Symbole sind und bleiben sollen. Andererseits wurde auf meine Idee hin eine Sportkollektion mit den Ampelmännchen entwickelt.
Buch vom Ampelmännchen
Karl Peglau signiert zum
40-jährigen Ampelmann-Jubiläum
? 1996 haben Sie Markus Heckhausen kennen gelernt. Wie hat sich Ihr Verhältnis zu dem aus dem Westen stammenden Designer entwickelt?
Inzwischen ist unser Verhältnis sehr gut, ja schon sehr herzlich geworden. Es sind viele fachliche, die Ampelmännchen betreffende, aber auch persönliche Dinge, die uns verbinden. Das war aber nicht immer so. Er kam ja als Wessi nach Berlin und hatte natürlich mehr Interesse an den Ampelmännchen als Design-Produkte als an den Aspekten, die mich im Rahmen der Fußgänger-Verkehrsreglung interessierten. Außerdem war unser Verhältnis auch angespannt durch die allgemeine und unsinnige westdeutsche Abwicklungsmentalität und das schnell offensichtlich werdende, überzogene Streben nach Profit. Dies war für uns DDR-Bürger unüblich. Aber als Markus sich dann auch im "Komitee zur Rettung der Ampelmännchen" für das Überleben der Figuren auf der Straße stark einsetzte, waren meine Vorbehalte gebrochen.
? Was wünschen Sie den Ampelmännchen für die Zukunft?
Wenn ich etwas träumen dürfte, wünsche ich mir, dass die Ost-Ampelmännchen von einer vorurteilsfreien Jury begutachtet und ihre Vorteile gegenüber anderen Symbolen überprüft werden.
Gütekriterien dieser Prüfung müssten sein: die Sinnhaftigkeit der Leitsymbole einerseits im Hinblick auf die gestalteten Verhaltensaufforderungen und andererseits auf die emotionale Akzeptanz der Fußgänger. Als Folge dieses Juryspruchs sollten dann die Sieger und das könnten meines Erachtens wohl nur die Ost-Ampelmännchen sein! künftig als Euro-Ampelmännchen in einen europäischen Lichtsignal-Standard des Straßenverkehrs aufgenommen werden.
Ampelmännchen® vereinigen:
Karl Peglau, Barbara Ponn und Markus Heckhausen
Die Auswirkungen des Krieges hatten Wirtschaft und Verkehr in ganz Deutschland lahm gelegt. Ende 1950 waren dann aber wieder der Straßenverkehr und mit ihm leider auch die Verkehrsunfälle sehr stark angestiegen. Damit stellten sich natürlich dringende Fragen nach Wirtschaftlichkeit und Sicherheit des Verkehrs. Zu dieser Zeit war ich als leitender Verkehrspsychologe für die Region Berlin und Brandenburg auch berufenes Mitglied der "Ständigen Kommission Verkehr der Stadtverordneten-Versammlung von Groß-Berlin". Diese setzte sich aus Vertretern der Berliner Verkehrsbetriebe und -einrichtungen, darunter auch Verkehrsmedizin und -psychologie, der gesellschaftlichen Organisationen und der Verkehrspolizei zusammen. Die Kommission diente dem Stadtrat für Verkehr als Beratungsorgan für die Berliner Verkehrsentwicklung und die Berliner Verkehrssicherheit hatte dabei hohen Vorrang.
Straßenverkehrsunfälle in der Hauptstadt der DDR
Die ostdeutschen Ampelmännchen sind echte Berliner Gören:
Ihre Wiege stand sowohl ideell als auch fertigungstechnisch hier in dieser Stadt!
Karl Peglau, Verkehrspsychologe
Ampelmann Urheber Edition No.1
„Die Wiege“
Der Berliner Verkehrspsychologe Karl Peglau reichte am 13. Oktober 1961 womit nun Geburtsort und Geburtstag angezeigt sind konkrete und bemaßte Vorstellungen zu neuen Ampel-Leitsymbolen ein, darunter auch die sehr spezifischen für den Fußgängerverkehr, die später als „Ost-Ampelmännchen“ bekannt und beliebt wurden.
Nur wer sich Gedanken macht über die riesigen volkswirtschaftlichen Verluste von Verkehrsunfällen und sich einzufühlen versucht in die Leiden Verunfallter und in die oft bis in die tiefsten Gründe erschütterten Familienlagen, kann den Wert ermessen von Maßnahmen, die Unfallgefahren wirksam reduzieren können.
Unter dem Druck dieser tragischen Aspekte der Verkehrsunfälle bat mich 1961 die schon genannte Berliner Verkehrskommission, aus psychologischer Sicht Maßnahmen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit zu erkunden und vorzustellen.
Bei Verkehrsunfällen in der DDR von 1955 - 1960:
ca. 200.000 Verkehrsverletzte und ca. 10.000 Verkehrstote.
Geschätzter Verlust am Volksvermögen der DDR allein durch tödliche Verkehrsunfälle
im Jahre 1959: ca. 155 Mio. DM.
Tiefgründige Analysen von Verkehrsunfällen führten mich zu den Erkenntnissen, dass:
- Die seit den 30iger Jahren den gesamten Straßenverkehr leitende Ampel, mit den Signal-Lichtfarben rot-gelb-grün, für die globalen Leitansprüche des gesamten Verkehrsaufkommens hoch überfordert ist, d.h. diese schwierigen Leitaufgaben allein nicht mehr sicher erfüllen kann. Außerdem kann sie durch ihre nur farbig gestalteten Leitsymbole, den farbsinngestörten Verkehrsteilnehmern zumindest bei Nebel, Smog und Dunkelheit keine ausreichende Informations- und Entscheidungssicherheit bieten. Dies zusammen bedeutete, dass diese Ampel als ein wesentlicher Unfall-Mitverursacher anzusehen ist.
- der Straßenverkehr sicherer und flüssiger laufen könnte, wenn diese Ampel „entmachtet“ würde, das heißt dem inzwischen sehr stark angestiegenen Verkehrsaufkommen angepasst und auch mit verbesserten Signalsymbolen! nur noch für den Kraftfahrzeugverkehr zuständig bliebe.
- alle anderen Verkehrsteilströme Straßenbahn, Radfahrer, Fußgänger durch je eigene Ampeln mit prägnant unterschiedlichen Signalsymbolen, zeitlich phasenverschoben dargeboten, sicherer leitbar werden.
- wenn Ampelleitsymbole statt wie bisher nur mit einem Signalmerkmal (unterschiedliche Farben) künftig mit zwei Signalmerkmalen ausgestattet würden. Zum Beispiel mit Farb-Form-kombinierten Signalen, diese doppelte Merkmalinformation, die visuelle Wahrnehmbarkeit und die kognitive Auffassung der Signalinformation für alle Verkehrsteilnehmer erleichtern, vor allem aber den farbsinngestörten Teilnehmern (ca. 10 % der Bevölkerung) erstmalig überhaupt zuverlässige Wahrnehmbarkeit ermöglicht.
Erster bemaßter Fußgängerampel-Vorschlag
von Peglau 1961
Der Musterbau einer Ampelmännchen-Signalanlage für Fußgänger fand im VEB Leuchtenbau Berlin statt und die Praxiserprobung an der Berliner Kreuzung Greifswalder-/Ecke Dimitrow Straße.
Die kritischen Genehmigungsprozeduren durch wissenschaftliche Forschungsräte sowie technische Fach- und Leitgremien des Verkehrswesens forderten ihre Zeit, wurden aber sämtlich mit Erfolg und anerkennender Befürwortung abgeschlossen.
Allerdings machten ökonomische Überlegungen 1963 es ratsam, eine von mir 1961 auch vorgeschlagene größere und eigene Ampel-Gehäuseform (s. Bilder) aufzugeben und aus Kostengründen die gleichen Ampelgehäuse und Gläser zu nutzen, wie für die Kraftfahrerampel. Um dem gerecht zu werden verkleinerte ich weitgehend originalgetreu die Ampelmännchen um 1/3 der zuvor von mir vorgegebenen Größe und vereinfachte einige Gestaltungsmerkmale, besonders beim grünen Ampelmännchen. So entfielen Finger, Mund und Ohren, Rücken und Hut wurden gerade, wodurch auch klarer wurde, dass es zwei dienstbare Ampelmännchen mit unterschiedlichen Aufgaben sind. Die Laufrichtung des grünen Ampelmännchens wechselte meinen Meinungsumfragen folgend nach links (Entwicklungsstufe 2).
In dieser Ampelmännchen-Gestaltung wurden 1969 die ersten offiziellen Fußgängerampeln auf den Straßenkreuzung „Unter den Linden / Friedrichstraße“ in Berlin-Mitte aufgestellt, ab 1970 in gesetzliche Lichtsignal-Richtlinien und Standards aufgenommen und mit der flächendeckenden Einführung auf allen Straßen der Republik begonnen.
Später, auf Bitten der „Süddeutschen Zeitung“, habe ich den beiden Ampelmännchen Namen, d.h. Spitznamen gegeben: dem roten „Stoppi“ und dem grünen „Galoppo“.
1961 1963
1961 Entwicklungsstufe 1
1963 Entwicklungsstufe 2
Für die codierte Signalgestaltung der Aufforderungen zum erwünschten Fußgängerverhalten gehen bzw. warten habe ich vor allem psychologisch bedeutsame Merkmale eingesetzt. Das macht wohl auch noch immer ihre hohe Zweckmäßigkeit und große Beliebtheit aus. Sie sollen hier kurz dargestellt werden:
Konkrete AnschaulichkeitFußgänger im Straßenverkehr sind zeitweilig alle Menschen, vor allem aber Kinder und Jugendliche sowie ältere und behinderte Menschen, die noch nicht oder nicht mehr motorisierte Fahrzeuge führen. Da deren Erleben, Verhalten, Beobachten, Denken und Fühlen viel mehr unter anschaulich-konkreten als unter abstrakt-formalen Verarbeitungsmechanismen abläuft, war es naheliegend, die für sie hinterstellten Verhaltenserwartungen gehen und warten in konkreten Personenformen darzustellen.
Ausgeschlossen waren damit von vornherein abstrakte Piktogramme, wie sie sich in der Gestaltung der West- und Euro-Ampelmännchen zeigen.
Archetypische Verhaltenssymbolisierung
Menschliche Fähigkeiten, hier besonders die des Beobachtens und Auffassens, weckt und unterstützt man, indem man auf im Menschen angelegte Urmuster zurückgreift. So wurde gestalterisch durch weit ausgebreitete Arme des roten Ampelmännchens in Frontstellung, die wie Sperrbalken wirken, die Aufforderung, anzuhalten und zu warten, umgesetzt. Die dynamisch weit ausschreitenden Beine des grünen Männchens in Seitstellung, die die Spitze eines Pfeils andeuten, machen die Geherlaubnis erlebnisfähiger.
Ein solcher Bezug fehlt insbesondere dem roten westdeutschen und Euro-Männchen, deren stramme Stellung mit den Armen an der Jackennaht eine geradezu kontra-indizierte Darstellung abgibt.
Doppelt codierte Verhaltensinformation durch Farbe und Form
Bekanntlich wächst die menschliche Auffassungs- und Differenzierungszuverläßlichkeit von Dingen mit der Anzahl ihrer unterschiedlichen Gestaltungsmerkmale.
Für Lichtsignale im Straßenverkehr nur 1 Merkmal zu verwenden - d.h. nur unterschiedliche Signal-Farben für sehr unterschiedliches Verkehrsverhalten anzubieten wie leider noch immer bei der seit den 30er Jahren des Vorjahrhundert gesetzlich vorgegebenen Kraftfahrer-Ampel ist deshalb ungenügend. Dies wird hochproblematisch und unfallbegünstigend, da es in der Bevölkerung ca. 10% farbenuntüchtige Menschen gibt und aktuell auch unter bestimmten Umweltbedingungen Farben von Normalsichtigen falsch wahrgenommen werden.
Deshalb ist es psychologischerseits angeraten den farbigen Lichtsignalen deutlich unterscheidbare Formengebilde (Masken) zuzuordnen, d.h. sie in unterschiedliche Formen einzubetten. Besonders günstig ist, wenn dafür Formen gefunden werden, die im menschlichen Verhalten unbewußt die gegebene Information unterstützen, d.h. solche, die sich schon seit Urzeiten aus deren Lebenserfahrungen gebildet haben (Archetypen).
Für den Fußgängerverkehr erfüllen die ost- bzw. Berliner Ampelmännchen diese doppelte Informationsforderung vorzüglich:
Die als Lichtsignale codierten Verhaltenserwartungen gehen bzw. warten werden einerseits durch die bewährt-üblichen Signalfarben und andererseits durch reale „Männchenformen“ mit sperrbalkenähnlicher, aufhaltender Armhaltung (rotes Ampelmännchen) bzw. mit dynamisch ausschreitenden Beinen (grünes Ampelmännchen) dargeboten.
Diese sich zwingend aus der menschlichen Fähigkeitsausstattung ergebende, mindest 2 unterschiedliche Merkmale anbietenden Gestaltungsforderungen für Licht-Leitsymbole ist aber leider noch immer nicht in der wichtigsten Signalanlage des Straßenverkehrs, der Kraftfahrer-Ampel, realisiert.
Ich schlug schon 1961 hierfür eine neue, auch größere d.h. dominant Aufmerksamkeit anziehende Ampel vor, in der das rote Lichtsignal in einer flachliegenden Sperrbalkenform und das grüne in einer aufrechten dynamischem Pfeilform dargeboten wurde. Damit erhielten alle drei unterschiedlich farbigen Lichtsignale auch sehr prägnant unterschiedliche und die Informationen verbessernde Formen (s. Bild).
Da mir aber bewusst war, dass dieser Vorschlag ökonomisch nur sehr aufwendig umzusetzen ist er benötigt neue Ampelgehäuse und gläser schlug ich 2006 eine andere, nun sehr einfache Lösung vor: Mit nur geringem Arbeits- und Kostenaufwand, nämlich nur mit elektrotechnischer Umschaltung, lässt sich das rote Lichtsignal und das ist das wichtigste für die Verkehrssicherheit! zum Blinklichtgeber mit schneller Frequenz umgestalten. Damit erhielt es auch eine zusätzliche „Funktionsform“, zwar nicht mit archetypischem Wert, aber und das ist nicht weniger wertvoll ! mit hohem Aufmerksamkeit erzeugenden Charakter. Die farbenuntüchtigen Verkehrsteilnehmer erhielten dann endlich auch eine zuverlässige Informations- und Entscheidungshilfe für ihr Fahrverhalten. Leider fand ich dafür im Bundes-Verkehrsministerium keinerlei Problemverständnis.
Auffälligkeit und emotionale AnsprechbarkeitAuf diese Merkmale wurde besonders hoher Wert gelegt, da gern gesehene und angenehm empfundene Verhaltenssymbole eine höhere Bereitschaft ihrer Regelungsabsichten erwarten lassen. Aufmerksamkeitscharakter und damit Beachtung erreichen die Berliner Ampelmännchen® allein schon durch ihre figürlichen Ausmaße, mit denen sie eine fast doppelt so große Signalfläche anbieten, als die westdeutschen und die Euro-Ampelmännchen. Aber erst durch ihre anschaulichen Merkmale ihres leicht molligen Körperbaus, mit der Knollennase, dem kecken Auftreten und dem Hut, strahlen sie das Fluidum von Gemütlichkeit und menschlicher Wärme aus, von dem sich alle Verkehrsteilnehmer ob jung oder alt, so angenehm angesprochen fühlen.
Derartige Merkmale fehlen dem westdeutschen und dem Euro- Ampelmännchen völlig.
Form-Farb-Signale im Vergleich
Aktuelle Kraftfahrer-Ampel
ungenügende Signal-Merkmale
1963 Entwicklungsstufe 2
Änderungsvorschlag
Peglau, Okt. 1961
Änderungsvorschlag
Peglau, Okt. 2006
Im Vergleich: Ost- und Euro-Ampelmännchen
Über meine Zusammenarbeit mit der Berliner Verkehrspolizei und natürlich wegen der beschriebenen Kinder stark ansprechenden Gestaltungsmerkmale, wurden die Ost- bzw. Berliner Ampelmännchen anfangs der achtziger Jahre als gut geeignet in die Verkehrserziehung der Kinder aufgenommen. Durch Erzieher, Lehrer, Eltern und Verkehrspolizei wurden sie in vielfacher Art spielerisch für deren Erlernen des richtigen Verkehrsverhalten eingesetzt.
Den Höhepunkt ihrer allgemeinen und verkehrserzieherischen Beliebtheit erreichten sie, als ihnen ab 1982 filmisch Leben eingehaucht wurde. In vielen Fernseh-Serien, zusammen mit dem nicht weniger populären Sandmann, machten sie gutmütig warnend und helfend, die Kinder auf die Verkehrsgefahren aufmerksam.
Es bleibt mir deshalb unverständlich, warum diesen zweckgemäßen, völlig unpolitischen und überaus beliebten Straßenfiguren, die nach der deutschen Wiedervereinigung durch viele Solidaritätsbekundungen als Ost-Ampelmännchen bekannt wurden, das Bleiberecht auf den Straßen ihrer angestammten Heimat strittig gemacht wurde und sie für die Verkehrserziehung der Kinder keine Rolle mehr spielen sollen.
Für die Umsetzung meiner von Merkmalsskizzen begleiteten Ideen, Ampelmännchen als Leitsymbole zur Erhöhung der Fußgängersicherheit im Straßenverkehr einzusetzen, konnte ich meine zeichnerisch sehr talentierte Sekretärin, Anneliese Wegner, zur ersten Endgestaltung der Ampelmännchen Symbole gewinnen (Entwicklungsstufe 1).
Den Musterbau der ersten Fußgängerampel mit den Ost-Ampelmännchen-Masken leitete der Ingenieur Zack vom "VEB Berliner Leuchtenbau".
Die Förderung der psychologischen und technischen Entwicklungsarbeiten und die Vorbereitungen zur späteren Aufnahme, der von mir 1963 aus ökonomischen Zwängen geänderten Ampelmännchen (Entwicklungsstufe 2), in gesetzliche Richtlinien und Standards des Straßenverkehrs der DDR, verdanke ich dem leitenden Ingenieur bei der "Versuchs- und Entwicklungsstelle des Straßenverkehrs der DDR", Siegfried Kirchner.